Per Handy gefilmt: die Freiheit auf den Barrikaden

Der Ausbruch des “Arabischen Frühlings” hat alle überrascht; die einheimischen Diktatoren, die westlichen Experten, die Menschen selbst, die doch in scheinbar für ewig unabänderlichen Verhältnissen so hätten weiterleben leben sollen: ohne Freiheit. Denn es ist bei allen Widersprüchen ein Kampf um Freiheit, der im Nahen Osten entbrannt ist. Und die Welt sieht zu: empathisch, zunehmend abweisend-ängstlich, und oft nur kalt und ignorant.

In diesem Kampf um Freiheit sind die meist mit Mobiltelefonen gemachten Aufnahmen der demonstrierenden Menschen zur zentralen Waffe geworden. Die Bilder mobilisieren und dokumentieren. Es sind vor allem junge Menschen, die sich der Staatsmacht mit ihren Fotohandys entgegen stellen, und ihre Bilder und Filmsequenzen haben zur Ausbreitung der Aufstände und Revolutionen in den nahöstlichen Ländern entscheidend beigetragen. Auch die Eindrücke, die in der globalen Öffentlichkeit von den Vorgängen entstehen, werden entscheidend von diesen Bildern und Filmen geprägt. Zusammen mit den elektronischen Netzwerken Facebook und Twitter ist das Photohandy zum Signum einer Epochenscheide im Nahen Osten geworden.

Ob mitten aus einer Demonstration heraus, oder in der Notaufnahme eines Krankenhauses, ob ausgelassen mit der Präsentation des Victoryzeichens oder anklagend und alle Rücksichtnahmen hinter sich lassend beim Anblick von Toten und Schwerverletzen, unzählige in der Regel anonyme Handyfilmer haben die Ikonographie der Revolution neu geschaffen.

Die Bedeutung dieser Filme und Stills, die oft das einzige Bildmaterial der Ereignisse darstellen, wurde zum ersten Mal bei den Protesten in Folge der Präsidentschaftswahlen im Iran im Sommer 2009 offenbar. Das Gesicht einer sterbenden jungen Frau – “Neda” – wurde umgehend ikonographisch und Teil der politischen Mobilisation. Und nachdem Anfang 2011 die ersten Aufnahmen von heruntergerissen Präsidenten- und “Führer”porträts aus dem Nahen Osten im Netz auftauchten, war klar, daß die Verhältnisse dort niemals mehr dieselben wie vorher sein würden, denn die Barriere der Angst war durchbrochen.

Die zeitgemäßen Fassungen von Delacroix’s “Freiheit auf den Barrikaden” werden vor allem über Youtube transportiert und entstehen täglich neu. Staatliche Willkür und Brutalität bekommen noch in remotesten Wüstenorten oder vergessenen Vorstädten plötzlich ein Gesicht, das weltweit anzusehen ist. Oft unter Lebensgefahr aufgenommen, sind diese Handyfilme ebenso Appell wie Zeugnis. Weitergereicht im Schneeballeffekt des Internets.

Freiheit ist nie umsonst. Remember!

Bilder für die Freiheit – eine Installation der esc-space group im Rahmen der 7. Wiesbadener Fototage vom 10. bis 25. September.

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